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UNDERWORLD

Der junge Daniel P. Schenk, der mit einem wirklich außerordentlichen schriftstellerischen Talent ausgestattet ist, setzt sich hohe und zugleich sinnvolle Ziele und verliert keine Zeit mit bescheidenen Kleinigkeiten. Er strebt eiligen Schrittes zu Ruhm, als ob die Zeit "keine Geduld mit ihm hätte". So kommt es, dass er mit nicht ganz 18 Jahren an einem Roman arbeitet (er trägt den Titel Vault und wird 2002 in Druck gehen), sein erster Band mit Kurzprosa Underworld gerade erschienen ist, dessen Inhalt er bescheiden als "Kurzgeschichten" bezeichnet (wobei es sich in Wirklichkeit bei einigen um Kurzromane handelt, sowohl bedingt durch ihren Seitenumfang als auch durch den Handlungsverlauf, die angewandten Schreibtechniken sowie durch die epische Flüssigkeit und die romanhafte Intrige, etc.).

Der junge Autor empfindet offensichtlich einen unbeschreiblichen, brennenden Zeitdruck, der sein Autorenschicksal bestimmt, der bei anderen Schriftstellern aber erst ungefähr im Alter von 50 Jahren auftritt. Und dennoch, er verfällt nicht in die typische schlechte Angewohnheit der Anfänger, die in ihren ersten Büchern eine ganze Welt unterbringen möchten, alles (was sie glauben!) sagen möchten, das noch nicht gesagt wurde. Nein, Daniel P. Schenk geht mit  seinem narrativen Material äußerst zurückhaltend und sorgfältig um, wobei er nicht nur das gesamte Werk im Auge behält, sondern auch alle Teile, Details und Nuancen, und damit ein außerordentliches Dosierungsgefühl unter Beweis stellt.

Ich habe hartnäckig nach Zeichen gesucht, die seine Jugend und den Mangel an existentieller und schriftstellerischer Erfahrung (überflüssige Details, Unbeholfenheiten, Redundanzen, Unstimmigkeiten) verraten,  habe aber nichts dergleichen gefunden.

Die Narration, die Konflikte, dargestellte Situationen (manchmal wirklich Grenzsituationen!), die Situation und Entwicklung der Figuren, die schöpferische Darstellung, der ausgewogene und zündende Stil, all das dient einem raffinierten -fast unglaublichen- Gleichgewicht, alles wird wie von Meisterhand geführt, ist von einem kaum fassbaren Gefühl für Proportionen  konzipiert. Diese Qualitäten entspringen einem besonderen, selten anzutreffenden Talent, weshalb der Band Underworld mit Sicherheit in die Reihe der solide konstruierten klassischen Prosa einzuordnen ist.

Viele der von Daniel P. Schenk in Bewegung gesetzten "Dominosteine" haben eine Tendenz zum Kriminalistischen, andere beinhalten alle Elemente, die das Vergnügen und den Schauder eines Thrillers auslösen. Aber auch die kriminalistische Verwicklung und die Requisiten des Spektakulären, des Abenteuerlichen bis hin zum Horror dienen in Wirklichkeit nur einer viel tiefer liegenden episch-psychologischen Entwicklung, indem sie wesentlich bedeutendere Ziele und Auseinandersetzungen, reichhaltigere Konnotationen, subtilere Fragestellungen und Lösungen hinter sich verbergen. Dadurch erhält der Thriller psychologische, phantastische, mit Sorgfalt ausgefeilte Nuancen, die ein unerwartet gutes Beherrschen schriftstellerischer Mittel verraten. [.]

Beeindruckend und überraschend für einen so jungen Autor sind die Reife, die Besonnenheit und die Subtilität, mit denen Daniel P. Schenk nicht nur temporale Zeichen von Spannung, von Dämmerung und vom Strudel zwischenmenschlicher Beziehungen durchleuchtet, sondern auch die Momente der Entscheidung, der Gefahr, der Aufruhr, die sowohl die sozialen Tabus als auch zerbrechliche Bereiche der Seele durcheinander bringen, verzerren und demolieren, Bereiche, die man in Augenblicken brennender innerer Spannung beschädigen, aus dem Gleichgewicht bringen und sogar vernichten kann. Der Autor hat gegen sein eigenes Buch die Wette gewonnen durch die Tatsache, dass es ihm auf seinen Seiten gelingt, die Fragilität der imaginären und subjektiven Linie aufzuspüren und darzustellen, die die Liebe vom Hass trennt, das Irdische vom Transzendenten, die Anständigkeit von Gesetzlosigkeit, den Ruhm vom Vergessen,  das Leben vom Tod. Wie um sein schriftstellerisches Talent, die Finesse und Schärfe seiner Beobachtungsgabe,  zu beweisen, wählt der Autor grundlegende Entscheidungsmomente oder Wendepunkte in der Entwicklung der Personen und verwandelt sie in willkommene Gelegenheiten für einen Blick ins Innere,  für erbarmungsloses Forschen in den Unwägbarkeiten des Daseins.

Underworld ist ein Buch über die Revolte. Eine Revolte gegen Anomalien (zugleich aber auch gegen absurde Normalitäten!), gegen jegliche Fesselung, gegen die von der Diktatur des Geldes durchgesetzte Entmenschlichung, gegen die Entfremdung, gegen das Fehlen von Kommunikation, gegen die von der Gesellschaft auferlegten Tabus, gegen das blinde Schicksal und vor allem gegen die eigenen Grenzen und Unfähigkeiten. Es ist ein Buch über die aufwühlenden Momente beim Konflikt mit dem Selbst. Den Moment, wenn sich auch die Verwirrten, die Erniedrigten, die Jämmerlichen, Bedeutungslosen, Anonymen und Vereinsamten in die Seele blicken und sich nach einer Veränderung sehnen, die aber niemals kommt (eine Veränderung, für die sie bereit wären, den  Preis des Selbstopfers zu zahlen); den Moment, wenn sich auch die Gauner, Schmarotzer, Handlanger, Mörder in die Seele blicken, die ihre Opfer durch den Lauf ihrer Waffen verfolgen. In diesem Zusammenhang muss ich betonen, dass die Stärken des Buches in den "Augenblicken der Wahrheit" liegen, die die meisten Figuren durchleben, zum Großteil überraschende Augenblicke, aufwühlend und letzten Endes tief menschlich. Auch unter diesem Gesichtspunkt erweist sich Underworld als eine episch solide Konstruktion, wohlproportioniert, mit tiefen Fundamenten und wagemutigen Formen, eine Konstruktion in perfekter Harmonie mit ihrem Innern und mit dem, was der Autor in den Wortzwischenräumen suggerieren will. Außerdem schleicht sich hartnäckig das Phantastische ein, und zwar mit Überzeugungskraft in die Tiefen des Realistischen (offensichtlich manchmal gewollt trügerisch!), auf dem sich die Geschichten aufbauen. In dieser Hinsicht ist die Kannibalismus-Szene des Polizisten Charles Griffith bemerkenswert und abschreckend zugleich; während er versucht, sich des Leichnams eines Drogendealers zu entledigen, für dessen Mord er verantwortlich ist, und den er schließlich, nach vielen fehlgeschlagenen Unternehmungen, gezwungen ist aufzuessen, um nicht entdeckt zu werden, scheint sich der Autor die ganze Zeit im stillen darüber zu amüsieren, wie es ihm gelingt, in seinen Lesern Grauen und Abscheu zu erwecken.

Alle Figuren in Underworld sind so gut von Daniel P. Schenk ausgedacht, dass er ihnen Leben einhaucht, Konsistenz und Komplexität verleiht. Sie entstammen den verschiedensten Umgebungen, haben unterschiedliche (oft sogar widersprüchliche!)  Mentalitäten und Interessen und verschiedene Entwicklungen. Der junge Autor holt seine Figuren aus der Unterwelt der New Yorker Außenbezirke oder aus der russischen, italienischen oder amerikanischen Mafia, die sich gegenseitig bekriegen, aber auch aus der so genannten besseren Gesellschaft (die unverwechselbar den Lifestyle der aktuellen amerikanischen Gesellschaft repräsentiert), wo jedoch die gleichen Gesetze des Dschungels herrschen wie in den Reihen der Unterschicht, Regeln, von denen immer nur die Stärksten profitieren. Es gelingt dem Autor, die Figuren gut in die Umgebung zu integrieren, in die sie normalerweise gehören, er bewirkt, dass sie sich in dieser Welt bewegen und wohl fühlen. Ganz normal läuft das Leben der Straßenkinder aus der Bronx ab (wie das des Killers David Pong, der beweist, dass er keine Tötungsmaschine ist, sondern ein armseliges Menschenwesen mit einem tiefen, rührenden, widersprüchlichen und komplexen Seelenleben), der noblen Herren (wie Charles McAllister), die entsetzt sind von dem Abgrund ihrer eigenen Erfahrungen, der Anführer der "Familien" und Mafia-Clans mit ehrenhafter Erscheinung (wie Marcus Antonio) oder mit Reminiszenzen seelischer Güte (Serghei Ciortovici Potienkin), der Gangster, die sich aus den Geschäften zurückgezogen haben (wie Albert Crowney, einer äußerst interessanten Persönlichkeit mit Schriftsteller-Anwandlungen, die schon 13 Romane und 39 Kurzgeschichten geschrieben hat), bemitleidenswerter Personen (wie Daniel Jones, der nur 20 Dollar pro Woche verdient) oder von Personen mit einem Doppelleben (wie der geheimnisvollen Joanna Clarmond, Oberhaupt eines Drogendealernetzes und zugleich perfekte Mutter). Daniel P. Schenk stellt in Underworld eine gesprenkelte, bunt gemischte Welt voller Verrücktheiten vor, die dabei extrem glaubwürdig, überzeugend und lebendig ist.

Obwohl ich schon vor dem Lesen von Underworld erstaunt war von Daniel P. Schenks Talent und seiner Leidenschaft, sich ein unverwechselbares und authentisches Universum aus Worten zu konstruieren (ich kannte bereits die Kurzgeschichte Dialog mit Dreien, die ich in der Zeitschrift Die Chronik, Nr. 4/2001 veröffentlicht hatte),  bin ich nun zur Überzeugung gelangt, dass Daniel P. Schenk mit Sicherheit zu den wichtigen Persönlichkeiten seiner literarischen Generation gehört.

Valerio Stanco

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